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Alex Tennigkeit - FLIPSIDE ARCADIA
Eröffnung: 13. Juni 2008, 19:00 bis 22:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 13. Juni 2008 - 26. Juli 2008 |
english version below
Der Ruf nach Arkadien, dem romantischen Zufluchtsort, dem Paradies eines
nie enden wollenden Frühlings steht der zerplatzte Traum, das Aufwachen
in der Gegenwart im Weg. Wenn es heißt: „Et in Arcadia ego“,
so ist hier nicht der romantische Ruf „Auch ich bin in Arkadien geboren!“ gemeint,
vielmehr wirft uns der Tod mit „Auch in Arkadien gibt es mich!“ ein
Lächeln zu.
Alex Tennigkeit (*1976 i. Heilbronn; lebt i. Berlin) setzt der Idealisierung
Arkadiens immer wieder den memento- mori Gedanke entgegen; denn hier spricht
der Tod- gegen alle Ewigkeit, gegen die romantische Vorstellung ewig sein
zu können, im Hier oder einer glücklicheren Welt. Die rückwärtsgewandte
Vision eines unübertrefflichen Glücks, in der Vergangenheit genossen
und nun für immer unerreicht, nur in der menschlichen Erinnerung als
Vorstellung dauerhaft, ist beendet durch den herannahenden Tod.
(siehe E. Panowsky, Et in Arcadia ego. Poussin und die Tradition des Elegischen;
in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst, Dumont 2002)
Alex Tennigkeit inszeniert in ihrer dritten Soloshow in der Galerie Jette
Rudolph unter dem Titel "FLIPSIDE ARCADIA" die Kehrseite Arkadiens
mittels Elementen modellartiger Skulptur, großformatigen Malereien
und feinlasurigen Zeichnungen. Ein riesiger kopfüber von der Decke hängender
Obelisk führt die Szenerie an: Bote, Sendstrahl, Tor und Weg zwischen
Diesseits und Jenseits flankiert von kleinformatigen Zeichnungen, die unter
dem Motto „PLUS ULTRA“(= „Darüber hinaus“) das „Immer
weiter“ der eingefangenen Leiden der Gemeinschaft Mensch abbilden.
Der Obelisk scheint uns die sinnbildhafte Brücke zu der aus dem heutigen
Bewusstsein verdrängten Rückseite Arkadiens zu schlagen. Hier finden
sich keine spielenden Faune, Musen und Nymphen von einst ein oder deren aktuelle
Repräsentanten inform räkelnder Mädchen aus Werbung, TV oder
Partyflyern, vielmehr begegnen dem Betrachter Symbolträger des Todes
begleitet von medienbekannten Bildern globalpolitischer Phänomene wie
Massakern, Krieg und Hinrichtungen.
Tennigkeit will den Rezipienten medial wie psychisch tief in ihre Bildwelten
von Leid und Folter hineinziehen. So kreiert sie bühnenartige Räume,
um ihre Visionen begehbar zu machen, inszeniert stark fluchtende Diagonalen
oder einen optisch irritierenden schachbrettartigen Fußboden, auf dem
die Darstellung zweier monumentaler Hände- die eine zur Faust geballt,
die andere malträtiert von Nägeln- vom Kämpfen und Dulden
berichten. Ein auf einer Wolke gesandter Engel bekrönt den Tod, ein
Wagenrad kündet von seinem Dienst als Folterwerkzeug, ein in Flammen
stehender Himmel verheißt unserer Zukunft nichts Gutes.
In einer anderen Leinwand kommt das gleiche Fußbodenmuster zum Einsatz,
doch versperrt eine Wand den Blick nach Arkadien und verweist stattdessen
auf einen Schrein der Eitelkeiten, verziert mit den Andenken der Vergänglichkeit
wie glitzernde Kleinode, ein auf allen Vieren katzenhaft schleichender nackter
Frauenleib, multiplizierte Frauenbeine contra einer goldenen Kugel gerahmt
in ein Ziffernblatt, Efeu berankte Wappen, Grabplatten, ein zerbrochenes
Ei. Selbst die kobaltblaue Skulptur einer Popcorntüte als Symbol für
Jugend und Konsum beherbergt ein verstecktes Detail der Vergänglichkeit,
einen ausgestopften Vogel. Die Körper in ihren Bewegungen sind vollends
ihrer Natürlichkeit enthoben, die eigentliche Quelle der Freude, das
sorglose Spiel, beschmutzt, das reine Geschenk der Liebe pervertiert zu einem
in Gold getränkten glitzernden Sammeln von Kleinoden, von Fetischen.
Der Höhepunkt wird erreicht in einem letzten Bild bevölkert von
Sterbenden, Toten, Verwesenden, Körpern und Körperteilen, welches
den Ausstellungstitel als Namen trägt. Eine "Dystopie“, ein
allegorischer Einwand an das Hier und Jetzt? Es krampft sich etwas in uns
zusammen: Ist das die Erinnerung an das Ende? Ist das die Gerichtsbarkeit
im Leben? Die Qual, in die wir hineingeboren sind, die vergessen wollend
wir uns so viel Mühe geben? Ein kritischer Verweis auf die Massen, die
von einer wohlwollenden, das Ego fütternden Hoheit kontrolliert werden,
sich selbst dabei zerstörend, die medialen Einimpfungen „Das braucht
ihr und Das bekommt ihr!“ bettelnd erflehend, gewalttätig auf
der einen und hoffnungslos verdammt auf der anderen Seite? Die Lust an der
Aufzählung eingefangener Versprechen wird zu einem Geschwür, das
Versprechen einer besseren Welt stirbt dahin. Arkadien ist Tot!
„Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt,
ist bereits ein Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er.“ „ (...)-
um den Körper, am Körper, im Körper- durch Machtausübung
an jenen, die man bestraft, und (...) überwacht, dressiert und korrigiert,
die man an einen Produktionsapparat bindet (...) ein Leben lang (zu) kontrollieren.“
(M. Foucault, Überwachen und Strafen; in: die Geburt des Gefängnisses,
Suhrkamp 1976)

Installationsansicht
Obelisk (vollendet), 2008

Installationsansicht
Zeichnungswand, 2008

Vorübergehende Siege, 2008
Öl auf Leinwand, 190 x 300 cm

Triumph des Equilibrium (Kämpfe! Dulde!) 2008
Öl auf Leinwand, 190 x 300 cm

Installationsansicht
Flipside Arcadia & Broken Columns, je 2008

Popcorn Memorial, 2008
Holzkonstruktion, Präparierter Eichelhäher, Stein, Antikglas, Beleuchtung, Öl,
Lack
173 x 42 x 35 cm
english version
The call on Arcadia, on the romantic asylum, on the paradise of a never
ending Spring is ended by the rupture of the dream, the awakening to reality. “Et
in Arcadia ego”, means rather than the romantic call “I was born
in Arcadia!“, but the smiling Death “Me, I´m also in Arcadia!”.
The memento- mori concept is antithetical to the idealism of the old Arcadia.
Here Death speaks against all eternity, against the romantic imagination
of being immortal in this or a more golden world. The backward-looking vision
of an unsurpassable felicity, relished in the past but never achieved, appearing
only in memory, is cut down by the approaching Death. With the end comes
the certainty, the bittersweet melancholia, and accordingly her yearning
for Utopia becomes a distorted image.
(see E. Panowsky, Et in Arcadia ego. Poussin und die Tradition des Elegischen;
in: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst, Dumont 2002)
In her third solo exhibition at the gallery Jette Rudolph, Alex Tennigkeit
stages the “Flipside of Arcadia” in using the media of sculpture,
large-sized paintings and extremely fine glazed drawings. Led by a huge obelisk,
hanging upside down- the herald, the sent beam, the portal and the way between
the here and the afterlife, flanked by serveral small-sized drawings, which
are subscribed by “Plus Ultra” equivalent to “further” on
the captured passions of confraternity of Men.
Above the obelisk as the metaphoric bridge we are located at the flipside
of Arcadia, in fact displaced from today´s awareness. No, there are
not playing fauns, muses, nymphs of old, also not current manufactures` representatives
e.g. lolling girls of advertising, tv or party-flyers rather the symbolism
of death, the well known images of global political phenomenon alike massacre,
war and executions. Tennigkeit designed a medial and psychological pull to
involve the recipient into bearing and torture. Meanwhile the strong diagonal
and parallel axes find their correspondence to the tessellated floors, the
images are transformed into a stage set, a walkable vision. By several concurrent
plot lines, e. g. two hands, one clenched and one ill-treated by nails- stand
for fighting and bearing, an angel sent on a cloud is crowning the Death,
the cart wheel as an instrument of torture, the heavens on fire, all of them
bode ill for the future.
In another painting a mural obscures the recipient’s view of the vaguely
perceptible Arcadia refers to a cabinet of vanity fair, decorated with souvenirs
like sparkling treasures, a catlike naked female body, crawling on all fours,
multiplied female legs against the golden ball framed by a clock-face, a
blazon and a memorial plate with tendrils of ivy and a broken egg. Also the
cobalt blue popcorn-bag sculpture as a symbol of youth and its consumption
within a prepared bird refers to a hidden detail of the transience. The Bodies
in their gestures and their attitudes are devoid of nativeness; the actual
spring of delight, the innocent game, is polluted, the fair gift of love
is perverted into the accumulation of gold-soaked, sparkling treasures like
fetishism.
The culmination of the scenery, past the ruins of columns our view is led
to a scene of destruction and decay by all over dying and putrid bodies and
limbs. “Dystopia!” the allegorical objection to the here and
now. It starts to ache. Is that the remembrance of the end? Is that the agony,
into which we are born, which we make every efforts to forget? The critical
reference to the mass controlled by a benevolent, ego attended grandeur,
is self-destructed in craving the medial insemination of: „You need
it? You can get it!”, on the one side violent on the other condemned
to desperation. The desire for collecting of captured promises becomes an
ulcer, the promise of a better world is dying. Arcadia is dead!
“This human, from whom we spoke and you was invited to free, is already
the consequence of repression, stronger than himself.” “(…)
by the exercise of power in order to control the bodies, in and also at the
body, at their whole lifetime they are punished, and (…) monitored,
trained and corrected, bound on the production apparatus.”
(free translation: M. Foucault, Überwachen und Strafen, in: die Geburt
des Gefängnisses; Suhrkamp 1976)
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