19. Juni - 31. Juli 2009

   

 


PHILIP LOERSCH / Bedingungen schaffen

Eröffnung: 19. Juni 2009, 19:00 bis 22:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 19. Juni - 31. Juli 2009

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin

english version below

„Der geometrische Geist ist nicht so eng mit der Geometrie verbunden, daß er nicht von ihr abgelöst und auf andere Kenntnisbereiche übertragen werden könnte [...].“
(Bernard Le Bovier de Fontanelle*)

Nach seinem erfolgreichen Auftritt in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck im Frühjahr diesen Jahres, präsentiert Philip Loersch in der Galerie Jette Rudolph seine erste Einzelausstellung unter dem Titel Bedingungen schaffen, worin seine neuesten und z. T. installativ inszenierten Zeichnungen und Cut-Outs zu sehen sein werden.

Loersch' s Arbeiten stehen mit plastischem Schattenwurf und eingebunden in die scheinbar logische Struktur diagrammartiger Fadennetzwerke vor der Wand oder dehnen sich meterlang im Raum aus; eine visuelle Dreidimensionalität suggerierend, bleiben die Zeichnungen faktisch an der zweidimensionalen Ebene haften. Eines der Hauptmotive des Künstlers ist das Wasser, eingespannt in ein konstruktives Axial- und Radialsystem. Die gestalterischen Mittel Loersch' s reduzieren sich auf Bleistift und grüne Tusche sowie partiell eingesetzten weißen Spraylack auf Polystyrol. Die Festigkeit des Bildträgers erlaubt es dem Künstler, seine Motive entlang ihrer Konturen auszuschneiden, um der Zeichnung mehr Lebendigkeit, Körperlichkeit und Bewegung zu verleihen.

In seiner aufgewühlten Form erinnern die Zeichnungen an Turners phantastisch vibrierende und zerstäubende Licht- und Wellenreflexe. Doch nimmt man in Loersch` s irisierenden Oberflächen der sich kräuselnden Wellen nicht nur eine stimmungshafte Lichtbrechung wahr, vielmehr vermutet man in der Aufteilung des Motivs in filigrane Einzelbestandteile ein rationales Denkgerüst, das in der Tat auf philosophische wie auch naturwissenschaftliche Ansätze anspielt.

So referiert der Künstler u. a. auf die klassischen Ansätze Empedokles und Platos unter Einbeziehung der Geometrielehre Euklids, die alles Leben auf kleinste Ursubstanzen und Festkörper reduzieren, bspw. den Festkörper des Wassers (Ikosaeder), dessen kleinstes und zugrundeliegendes Wesen an winzige Kugeln erinnert. Es ist die Faszination des Forschens nach der Berechenbarkeit und Sichtbarmachung des für den Menschen Ungreifbaren, das in den Cut-Outs zersprengter Wasseroberflächen bei Loersch metaphorisch Form gewinnt.

Mittels der Technik des Cut-Outs verlässt Loersch die gewohnten Bedingungen des zweidimensionalen Bildes und generiert ein eigenes mediales wie assoziatives System. Das Interesse des Künstlers am Wesen der Natur, der Vielschichtigkeit der Prozesse in ihren Bedingungen von Rhythmus und Zeit wird versuchsweise in der statischen Formensprache der Zeichnung veranschaulicht. Die Technik des Cut-Outs macht die Arbeiten virtuell begehbar und evoziert beim Betrachter den Eindruck des Springens zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, Motiv und Abstraktion gleich dem Aspekt steter Zustandsveränderungen in einem instabilen System.

* Vorrede über den Nutzen der Mathematik & den Naturwissenschaften; aus: Technikphilosophie. Von der Antike bis zur Gegenwart; Hrsg: Peter Fischer, Reclam Verlag Leipzig 1996

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
Installationsansicht Knick I, 2009

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
Installationsansicht Bedingungen schaffen, 2009

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
Vorhersagen suchen, 2009
Tusche, Lack auf Polystyrol
45 x 84 cm

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
Vorhersagen finden, 2009
Tusche, Bleistift, Lack auf Polystyrol
59 x 75 cm

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
Installationsansicht
System (Aggregat) & Aggregat (System), je 2009
je 190 x 95 cm

Philip Loersch / Immer noch Häufungen, 2009
Immer noch Häufungen, 2009
Tusche, Lack auf Polystyrol, Pins
65 x 92 cm

Philip Loersch / Jette Rudolph Berlin
0O, 2009
Tusche, Lack auf Polystyrol
120 x 100 cm

english version

“The geometrical mind is not wedded with geometry like that, thus separated one is being able to transfer it onto other domains/ fields of knowledge [...].”
(free translation: Bernard Le Bovier de Fontanelle*)

For his first Solo show entitled “Bedingungen schaffen/ creating terms” at the gallery Jette Rudolph in Berlin, Philip Loersch will present his latest and new drawings after his successful appearance at the Overbeck-Gesellschaft in Lübeck (Germany) in springtime this year.

Loersch ’s drawings and cut-outs occupies space, suspended from ceilings or tensioned in front of walls to suggest a visual three-dimensionality, but is in fact defined on the two-dimensional plane. They are characterized by graphic shade drafts and integrated into a seemingly logical structure of diagram-like meshes of threads. One of Loersch’s central themes is the element of water, captured and frozen on a constructive axial and radial system. Loersch limits his materials to lead pencil and green ink, plus white spray paint layered on polystyrene. The firmness of the medium allows the artist to cut out his motifs along the contours providing them with liveliness, corporeity and an illusion of motion.

His drawings bring to mind Turner ’s fantastic oscillating and vaporising light and wave reflections. However, in addition to its iridescent surfaces, light refraction and ambient colour, the rational construct of thought is invoked and hints at philosophical and scientific approaches. The artist refers i.a. to the classical definitions by Empedocles and Plato, also to Euclid’s geometry, in which the being, the source of life or the existence of life is reduced to a few prime matters and their interaction. They allocated regular mathematical solids to them, the so-called platonic solids, to represent their underlying essence, e.g. water = icosahedron -as if it is made of tiny little balls, when picked up water flows out of one’s hand. The blasted surfaces of the water gain a metaphorical sense by outlining the intangible matter of the element, and the fascination with the research for computability.

By using the technique of the cut-out Loersch leaves the familiar conditions of the two-dimensional image and generates an own system of psychology and association.

The concern of the artist is to show the character of nature, its complexity of process, conditions of rhythm and time by a kind of test set-up. This is exemplified in a static language of forms and signs. Thus his walk-in manner of cut-outs evoke an impression of skipping between two-dimensionality and three-dimensionality, motifs and their abstract as well as the mutability of conditions in a non-stable system.

*Preamble about the advantage of mathematics and natural sciences; ex: Technique philosophy from the ancient world to the present; ed.: Peter Fischer, Reclam Verlag Leipzig, 1996